Reisebericht Oktober 2015 (10. bis 16. Oktober)

Berkasovo

Im Oktober ging es mit verstärktem Helferteam, Hilfsgütern und größeren Transportern erneut in die Krisengebiete an den Grenzen der EU. Dieses Mal mit Fotografen und Kamerateam, um das Erlebte auch dokumentieren zu können und Ihnen/Euch einen Eindruck von den Zuständen und dem dringenden Hilfsbedarf zu vermitteln.

Nach ein paar Tagen Abstand können wir nun über das Erlebte schreiben: Am 6. Oktober ist eine kleine Gruppe, bestehend aus 11 Kölnern und Bonnern mit 3t Hilfsgütern an die serbische Grenze zur Flüchtlingshilfe aufgebrochen.

Nach einer 18 stündigen Fahrt haben wir einen Teil der Spenden (warme Kleidung, Babynahrung, Medizin) in einem großen Lager in Opatovac/Kroatien abgegeben. Von da aus sind wir direkt zu der “Durchgangsstation” Bapska/Kroatien an der grünen Grenze zu Serbien weitergefahren.

Auch wenn die kroatischen Behörden die Durchreise der Flüchtlinge organisiert haben (sie wurden per Bus in 12-stündigen Fahrten durch das Land transportiert), müssen die Flüchtlinge jede Grenze zu Fuß passieren. Die Versorgung mit Medikamenten und Nahrung war mehr als schlecht. Lediglich wenn die Menschen ein Camp erreichen, gab es dort eine absolute Notversorgung. Die Camps waren leider so überlaufen, dass dort weder Zeit zum Ausruhen noch für medizinische Grundversorgung blieb. Selbstverständlichkeiten für uns, wie Duschen oder ein Bett zum Schlafen, waren unerreichbar. Nach einer langen, harten Nacht, in der wir heißen Tee, etwas Essen und warme Winterkleidung ausgeben haben, entschieden wir uns, auf die unterversorgte serbische Seite zu wechseln.

Dies war nur über den offiziellen Grenzübergang bei Tovarnik möglich. Ein Risiko, da die Serben leider die meisten humanitären Transporte blockieren. Wir hatten Glück und ein freundlicher Grenzer hat uns – ausnahmsweise – ohne Zölle zu erheben passieren lassen.

Damit hatten wir die EU verlassen und fuhren nach Berkasovo: Ein kleiner Feldweg auf der grünen Grenze. Dort brachten wir den Großteil der Spenden hin: hier passieren ca. 6000 Menschen, darunter mehr als 2000 Kinder täglich die Grenze, das bedeutet 130 bis 150 Busse mit jeweils 50 Personen, die meisten davon im Schutz der Nacht. Die Situation war wirklich sehr schlimm, da die NGOs wie das UNHCR, Ärzte ohne Grenzen und UNICEF bei Einbruch der Dunkelheit den Ort verlassen.

Gerarde in der Nacht wird die Hilfe aber am dringendsten gebraucht.

Auch hier haben wir heißen Tee, Nahrung und warme Winterkleidung ausgegeben, aber es fehlte an allen Ecken und Enden. Es waren erschreckend viele Flüchtlinge, die barfuß oder mit Shorts und T-Shirts unterwegs waren. Bei nächtlichen Temperaturen von 5°C, Regen und Wind, kann man sich vorstellen, wie schlimm die Situation ist.

Wir haben Väter gesehen, die nur gegessen haben, nachdem die Kinder versorgt worden waren. Kinder sind die besonders Leidtragenden auf der Flucht. Wir sahen auch wenige Tage alte Babies, auf der Flucht geboren.

In Berkasovo war alles durch Freiwillige organisiert, die einen wirklich großartigen Job machten. Während der Nacht übernahm ein Teil unseres Teams die Aufgabe, die Flüchtlinge zu gruppieren und zu Fuß in Gruppen zur kroatischen Grenze zu bringen. Eine Aufgabe, die eigentlich das Militär oder die Polizei machen sollte, da abseits der Wege sehr viele Landminen aus dem Bürgerkrieg liegen.

Leider gab es keine Unterstützung von der Regierung, daher mussten wir den Job übernnehmen, in tiefster Dunkelheit die verängstigten Menschen zu führen. Ein komisches Gefühl, wenn man als Deutscher syrische, irakische, afghanische Flüchtlinge durch eine EU-Außengrenze nach Kroatien bringt.

Viele Kinder litten an starkem Fieber, schlimmem Husten und anderen Infektionen, da es so kalt geworden und die Kleidung nicht warm genug war.

Wir trafen einen sechsjährigen Jungen, der alleine mit seinem 2 Monate alten Bruder unterwegs war. Die Eltern waren beide im Mittelmeer ertrunken und er schlug sich nun alleine durch. Vielleicht versteht man, warum viele von uns 36h und mehr durcharbeiteten.

Wir sind sicher, dass wir nach Serbien zurückkehren werden, um den Menschen diese furchtbare Flucht ein wenig erträglicher zu machen. Dominique, Malte, Jonas, Kadriye, Manuel, Martin, Martina, Alex, Daniel und alle anderen internationalen Freiwilligen: Es war uns seine Ehre mit Euch zusammenzuarbeiten. Lasst uns den Spirit behalten und weitermachen.

An alle Spender, die unsere Reise ermöglicht haben: Herzlichen Dank für Eurer Engagement! Bitte hört nicht auf, die Sache zu unterstützen. Der Winter steht bevor und wir brauchen Eure Hilfe in dieser menschlichen Not. Wer sich engagieren möchte, kann sich gerne an uns wenden.

Ihre/Eure
Daniela Neuendorf & Nicole Malmedé