Lesbos, 26. November bis 3. Dezember 2015

Donnerstag 26. November / 12:40 Uhr, Flughafen Düsseldorf

11

Nach vielen Wochen Vorbereitung und zwei Nächten packen, abwiegen und wieder umpacken ist es nun soweit. Wir stehen am Flughafen Düsseldorf und warten auf den Abflug. Für die humanitäre Hilfe haben wir gerade 10 große Koffer mit insgesamt fast 240kg Medikamenten und medizinischem Gerät eingecheckt.
Die netten Airline-Mitarbeiter von Olympic Airways haben die 12kg Übergepäck mit einem freundlichen Lächeln durch gewunken. Heute Abend werden wir auf der Insel Lesbos landen und morgen früh die Güter abgeben. Wir sind jetzt doch ein bisschen aufgeregt und möchten uns an der Stelle bei allen Helfern, Fahrern, Vermittlern, Kurieren und natürlich den Spendern herzlich bedanken.
Ganz besonderer Dank gilt Prof. Dr. Breuer und seinem Team in der Bonner Universitätskinderklinik. Was wir alle hier zusammen auf die Beine gestellt haben ist unglaublich. Ohne Eure Hilfe wäre das niemals möglich gewesen. Danke, dass wir Teil einer so wunderbaren Community sein dürfen!

Samstag 28. November / 22:00 Uhr, Insel Lesbos

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Bitte verzeiht, dass wir uns jetzt erst melden, aber es war ein krasser Tag. Wir sind direkt am Strand, es gibt dort weder fließend Wasser noch permanenten Strom. Der Generator läuft extrem unzuverlässig. Wir haben hier drei ganz primitive Zelte, wo sich die Menschen kurz ausruhen können. Wir müssen die direkt wieder „rausschmeißen“, da die nächsten Boote auf dem Weg sind und wir den Platz brauchen.
Unsere Schicht sollte heute um 15:30h starten. Um 7:15h kam ein Notruf, dass 20 Boote auf dem Weg zur Küste seien! Wir sind aus dem Bett in die Gummistiefel gesprungen und direkt zur Küste gerast.
Was dann passierte, war unglaublich. Wir nennen das einen sog. „mass influx“. Es hat gestürmt und geregnet und kamen immer mehr und mehr Boote. Alleine mit Beginn der Dunkelheit kamen zwölf Boote, die meisten Flüchtlinge waren extrem unterkühlt und viele verletzt. Das ist besonders gefährlich für Kinder unter drei Jahren. Es waren etwa 150 Kinder. Wir haben sie notversorgt und eine Stunde in unseren aufgeheizten Van gepackt.

Sechs Menschen kamen ohne Bewusstsein an,darunter eine schwangere Frau im achten Monat. Wir haben sie ins nächste Camp gebracht und die Wehen haben im gleichen Moment eingesetzt.
Wir haben in dem primitiven Container drei schwerste Triagefälle (ohne Atmung …) gleichzeitig versorgen müssen. Wir wissen, dass die Nacht so weitergehen wird.

Wir sehen und hören sehr viele ganz schlimme Dinge hier, aber haben kaum Zeit darüber nachzudenken. Unsere Schicht geht noch sechs Stunden und gerade kommt das nächste Boot …

Sonntag 29. November / 23:50 Uhr

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Nachdem wir gestern (Samstag) 16 Stunden gearbeitet haben, war es heute ruhiger. In den 14 Stunden haben wir „nur“ acht Boote angenommen. Danach hat der Wind gedreht und die anderen Boote an die gefährliche Nordostküste gedrückt. Wir haben ein Team dorthin geschickt und Malte (unser Van-Fahrer) war acht Stunden unterwegs, die Menschen an der steinigen Nordostseite aufzulesen und zu uns beziehungsweise direkt ins Krankenhaus zu bringen. Alle nennen ihn hier den The-hell-need-an-Ambulance-Driver. Er hat heute seinen persönlichen Rekord gebrochen und 19 Personen in den Opel Meriva gepackt! Alle Menschen waren vollkommen nass und stark unterkühlt, da das das Boot wenige Meter vor der Küste von den Steinen beschädigt wurde. Nach drei Stunden hat Malte sie gefunden und sofort eingeladen.
Heute hat uns die Küstenwache acht Menschen, (darunter ein sieben Monate altes Baby) gebracht, deren Boot auf dem offenen Meer gesunken ist. Das Baby war so kalt, dass es sich kaum noch bewegt hat. Aber wir haben es durchgebracht! Ein Moment, der der Seele gut tut und neue Energie bringt.

Auf der anderen Seite müssen wir den Geretteten erklären, dass viele anderen Insassen und damit Teile ihrer Familien nicht gefunden wurden. Ich habe mich noch nie so schlecht gefühlt, wie in diesen Momenten.

Montag 30. November / 8:44 Uhr

9

Kalimera Hellas! Geweckt von Sonne und Schafsglocken. Eigentlich ist die Insel ja eine wunderschöne Urlaubsregion …
Nach sieben Stunden Schichtpause müssen wir heute noch früher zum Strand, da die Nachbartruppe heute die andere Notversorgungsstelle schließt, um dringend nötige Maßnahmen für die Winterfestigkeit sicherzustellen.
Wenn irgendwo Zeit bleibt schnappen wir uns Material, Akkuschrauber und Sägen und bauen Regale, Holzböden, Signalfahnen und was sonst noch gebraucht wird.
Der nächste Notruf kommt gerade rein, also kein Frühstück und sofort ins Auto.

Montag 30. Nov / 16:00 Uhr

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Im Moment ist es verdächtig ruhig, da die türkische Küstenwache patroulliert. Die drei Milliarden, die von der EU an die Türkei geflossen sind, müssen natürlich sofort ausgegeben werden.
Wir haben uns auf die Ankunft von mehr als 40 Boote vorbereitet und die „Klinik“ umgebaut, sowie zwei zusätzliche Emergency Units eingerichtet.
Ich nutze mal die Zeit und stelle Euch Karolina, unser Maskottchen vor. Ein Ziegenbaby, dass mit uns am Strand lebt. Für die Kinder ist sie ein Segen, um ein bißchen abzuschalten…

Dienstag 1. Dez / 11:30 Uhr

2

Vor unserem Schichtbeginn ist heute Sea Patrol angesagt. Die Nacht war ruhig, aber wir bereiten uns auf Schlimmes vor. Durch das neue Abkommen mit der Türkei werden die Überfahrten momentan massiv erschwert. Aus diesem Grunde überladen die Schlepper die wenigen abfahrenden Boote immer mehr. Die Gefahr, dass diese dann voll schlagen und sinken steigt extrem! Unseren Freunden von der Sea Patrol kaufen wir heute Eimer, damit diese auf offener See an die Boote zum Schöpfen ausgegeben werden können.

Im Kleiderzelt haben wir kein einziges Paar Schuhe mehr und auch keine Hosen. Gestern Nacht haben wir die Leute nach der Erstversorgung in langen Unterhosen mit einer Decke eingekleidet und Plastiktüten an den Füßen zu Stage2 (so heißt das nächste Camp) weiterschicken müssen. Und das bei nächtlichen Temperaturen von 5 bis 10°C.

Wir versuchen heute bei einem Großhändler Hosen in großen Mengen zu kaufen. Der Preis liegt pro Hose hoffentlich bei höchstens 10€.

Dienstag 1. Dezember / 11:50 Uhr

5

Mein Volunteer-Equipment für eine Doppelschicht:
Fernglas
Scharfes Messer zum Aufschneiden von Kleidung
Schmerztabletten
Desinfektionsmittel
Feuerzeug
Kopflampe
Ersatzbatterien
Arbeitshandschuhe
Gummihandschuhe
Power Bank
Tasche mit Notfallmedikamenten
Traubenzucker
Rettungsdecken
Gummistiefel
Warme Mütze
Komplettes Set Ersatzkleidung

Dienstag 1. Dezember / 18:49 Uhr

4

Manchmal hat man einfach Pech…Verdacht auf Abriss der Benzinpumpe

Mittwoch, 2. Dezember / 9.30 Uhr

3

Nach einer Doppelschicht über 18 Stunden hier noch ein ganz tolles Erlebnis zum Ende der Nacht. Zum Dank für ihre Rettung hat uns ein Familienvater – einer alten Tradition folgend – das wichtigste materielle Geschenk, dass er besitzt, übergeben: eine Notpumpe zum Aufpumpen des Boots.

Er kann froh sein, dass er sie nicht nutzen musste, sie war nie funktionsfähig. Die Schmuggler verkaufen den armen Leuten wirklich jeden Schrott: Seepferdchen-Schwimmreifen, kaputte Pumpen und Rettungswesten, die mit Verpackungsmüll gestopft sind. Von dem Benzin für den Motor, dass zur Hälfte mit Wasser gestreckt ist, gar nicht zu reden. 18.000 Euro Reinprofit pro Boot scheinen immer noch nicht zu reichen.

Donnerstag 3. Dezember / 1:00 Uhr

8

Wir sind auf dem Rückweg von unserer Schicht und bereiten uns auf den Heimweg nach Köln vor. Heute ist kein Boot auf unserer Seite angekommen, da die türkische Küstenwache immer noch massiv Patrouillen fährt.
Wir haben die Zeit genutzt und dringende Umbauten im BeachCamp übernommen: Bau von Regalen für die Kleiderausgabe, Feuerholzboxen, eine Truhe für die nasse Kleidung, sowie das anlegen weiterer Feuerstellen. Dazu haben wir das gesamte Kleiderlager ausgeräumt und den Boden mit Planen ausgelegt. Dann ein System reingebracht und alles sortiert. Die Briten, Amis, Griechen und Skandinavier sind immer wieder beeindruckt, wie effektiv wir Deutsche arbeiten :-).
Ein Team ist heute mit den Fischern rausgefahren, um schwer zugängliche Küstenabschnitte von zerschellten Booten und Rettungswesten zu säubern. Eine wichtige Aufgabe, da die Einwohner hier sonst im Müll ertrinken würden.
Ganz herzlichen Dank an alle Spender, die uns bis heute Geld geschickt haben, damit wir die dringend benötigten Hosen kaufen können. Wir haben dem Lighthouse-Team die Spende übergeben, damit diese schnellstmöglich Hosen kaufen können, sobald in der kommenden Woche wieder welche angeliefert werden. Ihr habt es möglich gemacht, dass wir mehr als 250 Hosen bestellen konnten! Tausendfacher Dank an alle!

Donnerstag 3.Dezember / 8:30 Uhr

1

Wir sind gerade im Hafen von Mytillini angekommen um mit der Fähre nach Ayvalik in der Türkei überzusetzen. In dem Moment, wo wir auf die Fähre steigen wollen, kommt ein Boot hier voller Familien mit kleinen Kindern an. Wir haben geholfen und Unsere letzten Rettungsdecken ausgegeben. Das Hafenpersonal und der Zoll behandeln die Menschen wie Vieh. Es wird nur gebrüllt und geschubst.
Direkt neben dem Einreisepunkt hat ein „Händler“ sein Geschäft mit dem Rückverkauf der Außenbord-Motoren platziert. Nachdem alle Menschen sicher von Board waren, habe ich versucht Bilder zu machen, aber es gab Ärger, weil ich fotografiert habe.

Donnerstag 3. Dezember / 8:46 Uhr

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Gerade wird von der Küstenwache ein gekentertes Boot reingeschleppt. Das heißt hier upside-down. Wir stehen auf der Fähre und können nichts tun. Der Kapitän hat uns den Funkverkehr übersetzt: Vor zwei Stunden wurde das Boot gefunden, es wurden sofort Rettungsmaßnahmen eingeleitet.
Die Geretteten berichten, dass mehr zwanzig Kinder auf dem Boot waren. Es wurden nur 38 Menschen gefunden – nur Erwachsene …
Wir sind so traurig … wir stehen hier und weinen …

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